Ethik zwischen dem Allgemeinen und dem Einzigartigen
Veranstaltungen, Forschung 25. Juni 2026
Wie lässt sich Ethik zwischen allgemeingültigen Normen und einzigartigen Lebenssituationen denken? Was bedeutet „Einzigartigkeit“ – und wie kann sie ethisch ernst genommen werden, ohne den Blick auf das Allgemeine und Universale zu verlieren?
Diesen Fragen widmete sich das Symposium „Das Allgemeine, das Besondere, das Einzigartige“, welches wir am Dienstag, den 23. Juni 2026, zu Ehren des Salzburger Erzbischofs Dr. Franz Lackner OFM organisierten. Auf Initiative von ifz-Vizepräsident Clemens Sedmak brachte die Veranstaltung philosophische, theologische und anwendungsbezogene Perspektiven miteinander ins Gespräch.

Eröffnet wurde das Symposium von Christian Lagger, Präsident des Internationalen Forschungszentrums für soziale und ethische Fragen (ifz), und Clemens Sedmak. Beide stellten biografische Bezüge zum Jubilar her: Franz Lackner, der aus einfachen Verhältnissen stammt, Franziskaner wurde und heute Erzbischof von Salzburg ist, steht mit seinem Lebensweg in besonderer Weise für die Frage, wie das Allgemeine und das Einzigartige ineinandergreifen. Sein Weg macht sichtbar, dass ethisches Denken nie nur abstrakt bleibt, sondern immer auch mit konkreten Lebensgeschichten, Entscheidungen und Berufungen verbunden ist.

Ein gedanklicher roter Faden der Tagung war der mittelalterliche Franziskanertheologe Johannes Duns Scotus (1266–1308). Scotus hat intensiv über Individualität und Einzigartigkeit nachgedacht und den Begriff der „haecceitas“ geprägt. Gemeint ist damit das, wodurch ein Wesen nicht nur ein Beispiel seiner Art ist, sondern dieses eine, unverwechselbare Wesen. In diesem Sinn lässt sich haecceitas als „Diesheit“ oder „Dieseinzigkeit“ verstehen. Die Faszination für das Besondere und Einzigartige wirkte über die Philosophie hinaus und inspirierte unter anderem den englischen Dichter Gerard Manley Hopkins, der mit dem Begriff „inscape“ die unverwechselbare innere Gestalt der Dinge poetisch zu fassen suchte.

Die Vorträge des Symposiums näherten sich dem Thema aus unterschiedlichen Richtungen: Joachim Söder, Professor für Philosophie an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Aachen, sprach über Freiheit und Wahrheit. Michael Fuchs, Rektor der Katholischen Privat-Universität Linz und Professor für Praktische Philosophie/Ethik, stellte Alter und Individualität in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Tobias Hoffmann, Professor für mittelalterliche Philosophie an der Sorbonne Université in Paris, widmete sich dem Thema „Klugheit“. Einen gegenwartsbezogenen Akzent setzte Julia Inthorn, Professorin für Angewandte Ethik an der Hochschule für Philosophie München, mit ihrem Beitrag zu Individualisierung und Vereinheitlichung im Kontext Künstlicher Intelligenz.
Weitere Perspektiven eröffneten Reinhold Esterbauer, Professor am Institut für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz, und Małgorzata Bogaczyk-Vormayr, Assistenzprofessorin am Institut für Ethik der Philosophischen Fakultät der Universität Posen, die über eine Ethik des Atopischen sprachen. Emmanuel J. Bauer OSB, emeritierter Professor für Christliche Philosophie an der Universität Salzburg, beleuchtete die Polarität von Selbst-Sein und Wir-Sein.

Zum Abschluss setzten Bruno Niederbacher SJ, Assoziierter Professor am Institut für Christliche Philosophie der Universität Innsbruck, und Cornelia Stefan, stellvertretende Institutsvorständin am Institut für Philosophie der Universität Klagenfurt, weitere tiefsinnige Akzente. Niederbacher erläuterte, warum er sich als gemäßigter Generalist versteht. Stefan fragte danach, was ethische Entscheidungen ausmacht, wie sie zustande kommen und welche Bedeutung ihnen in konkreten Lebenszusammenhängen zukommt.

Ziel der Tagung war es, das Verhältnis von allgemeingültigen ethischen Normen und konkreten Lebensrealitäten interdisziplinär zu reflektieren. Deutlich wurde dabei: Ethik bewegt sich stets zwischen dem Anspruch des Allgemeinen und der Aufmerksamkeit für das Einmalige. Gerade darin liegt ihre bleibende Herausforderung – und ihre menschliche Tiefe.

