Acht ExpertInnen diskutierten über Armut und Gesundheit NACH der Digitalisierung.

04.03.2020
Armut und Gesundheit NACH der Digitalisierung

Am vergangenen Donnerstag und Freitag, den 5. und 6. März, stellten sich acht Expertinnen und Experten die Frage, wie Armut/soziale Ausgrenzung mit Gesundheit zusammenhängt und welche Folgen die fortschreitende Digitalisierung im Gesundheitswesen für armutsgefährdete Betroffene hat.

Tatsächlich sind die meisten Zusammenhänge zwischen Armut/sozialer Ausgrenzung und Gesundheit nicht ausreichend erforscht, schon gar nicht unter Einbeziehung von Betroffenen. Umso spannender war es, als die Grazer Philosophin Martina Schmidhuber einen ganz speziellen Aspekt hervorhob, nämlich die Armutsgefährdung pflegender Angehöriger von Menschen mit Demenz. Wie dringend diskutiert dieses Thema gehört, zeigen allein schon die Zahlen: gegenwärtig sind rund 50 Millionen Menschen von Demenz betroffen. Laut Prognosen wird sich die Zahl der Demenzkranken bis 2050 jedoch verdreifachen. Werden diese zu Hause gepflegt, sind es zu 80 Prozent Frauen, die diese Aufgabe übernehmen. Doch im Alltag und in der Forschung sind diese quasi unsichtbar. Es wird kaum gefragt nach den finanziellen Herausforderungen oder gar den psychischen Belastungen (insbesondere bei „young carers“, bei Minderjährigen, die Angehörige pflegen).

Den Beginn des Fachgesprächs machte Lutz Groh, der seit mehr als 20 Jahren im Gesundheitswesen arbeitet und als Berater tätig ist. Er nannte vier Aspekte, die das Gesundheitsverständnis nach der Digitalisierung betreffen: 1. Self care (Übernahme von Verantwortung durch den Einzelnen aufbauend auf den drei Komponenten „empowerment“, „literacy“ und „engagement“); 2. Digital health (Kombination von unterschiedlichen Bereichen im Gesundheitswesen); 3. Eco-Systeme (Gesundheit ist nicht auf einen Faktor reduzierbar); 4. Salutogenese (Modell der ständigen Selbstoptimierung vs. Modell der ausgewogenen Balance).

ifz-Präsident Helmut P. Gaisbauer sprach anschließend über gesundheitliche Chancengerechtigkeit und wie die Beziehung zwischen sozialem Status und Gesundheit von verschiedenen Aspekten beeinflusst wird. Nämlich einerseits durch materielle Faktoren wie Wohnbedingungen, aber auch durch verhaltensbezogene (zum Beispiel Rauchen) und psychosoziale Faktoren wie Stress.

Der Wiener Krankenversicherungsexperte Michael Fuchs eröffnete seinen Vortrag mit einer prinzipiell sehr guten Nachricht: Die Zahl der nichtversicherten Personen in Österreich ist in den vergangenen 15 Jahren gesunken. Allerdings wies er auch auf die Gefahr hin, dass diese Entwicklung nicht unumkehrbar ist. Besonders betroffene Gruppen sind prekär Beschäftigte, beeinträchtigte Personen, Migrantinnen und Migranten sowie Personen, die eine freiwillige Versicherung nicht in Anspruch nehmen (können). Eine Nichtversicherung kann drastische Folgen nach sich ziehen, insbesondere für das Individuum: Der eigene Gesundheitszustand wird objektiv und subjektiv als schlechter wahrgenommen oder eine notwendige medizinische Behandlung wird tendenziell später beansprucht. Dabei bleiben vor allem psychische Erkrankungen oftmals unbehandelt.

Martin Schenk von der Diakonie erläuterte am zweiten Tag des Fachgesprächs eindrücklich die Zusammenhänge zwischen Armut, Gesundheit und Gesundheitsversorgung. Dabei sprach er die verschiedenen Dimensionen sozialer Ungleichheit an: gesundheitliche Belastungen (am Arbeitsplatz, durch Umwelteinflüsse, unterschiedliche Wohnverhältnisse) gesundheitliche Ressourcen (wie Selbstbewusstsein, Bildung, soziale Netzwerke, Erholung) und gesundheitliche Versorgung (Stadt-Land-Gefälle).

Matthias R. Hastall sprach schließlich über das Arzt-Patientenverhältnis, das durch unterschiedliche Faktoren und Herangehensweisen geprägt ist: Alter, Geschlecht, Herkunft, Kleidung, soziales Umfeld. Hinzu kommt, dass sich in einer Ausnahmesituation plötzlich Experten und Laien gegenüberstehen. Wichtig ist hier eine partizipative Entscheidungsfindung. Der Mediziner Thomas Lion knüpfte mit seinem Vortrag nahtlos an das Thema an und sprach über Gesundheit als Produktionsfaktor: Es wird auf einmal wichtig, sich darum zu kümmern, gesund zu bleiben. So wird die individuelle Sorge um die Gesundheit nach dem Vorbild Michel Foucaults zum Angriffspunkt: Ärzte werden in diesem System zu Wächtern von Gesundheit im staatlichen Auftrag. Das schließt die Gefahr unreflektierter Instrumentalisierung mit ein.

Den Abschluss des zweitätigen, intensiven Fachgesprächs bildete schließlich die Coaching-Expertin Elisabeth Alder-Würrer. In ihren Augen erfordert eine digitalisierte Welt regelmäßige Umweltbeobachtung, Austausch mit anderen, Räume für Scheitern, lebenslanges Lernen und regelmäßige Reflexion.