„Earth Day“ als Startschuss für vier Tage geballte Nachhaltigkeit in Salzburg

Veranstaltungen 23. März 2026

Der Earth Day am 22. April 2026 liefert den Startschuss für vier Tage geballter Nachhaltigkeit im Bundesland Salzburg. Bei den Aktionstagen „Aufbruch – für ein gutes Leben für alle!“ präsentieren sich zahlreiche Initiativen, Organisationen und Vereine mit kreativen Aktionen. Das Ziel ist, ein bewusstes und ressourcenschonendes Handeln zu fördern und Menschen für wichtige Themen auf globaler Ebene zu sensibilisieren. Die Aktionstage finden heuer zum zweiten Mal statt. Der Erfolg des vergangenen Jahres führte dazu, dass das Projekt von einem Tag auf insgesamt vier Tage ausgeweitet wurde. Organisator ist Hans Holzinger und der Arbeitskreis „Klima & Nachhaltigkeit“ des Salzburger Bildungswerks. Mit ihm sprachen wir über nachhaltige Lebensstile, eine klima- und planetenfreundliche Politik sowie faire Handelsbeziehungen.

ifz: Der Aktionstag wurde 2025 erstmals durchgeführt und dieses Jahr auf vier Tage ausgeweitet. Wie können solche Aktionstage dazu beitragen, dass Impulse nicht nur kurzfristig wirken, sondern langfristig Einstellungen, Alltagspraktiken und kommunale Strukturen verändern?

Hans Holzinger: Der langfristige Erfolg von Bildungsveranstaltungen ist schwer messbar. Es geht um Sensibilisierung, Erweiterung der Wahrnehmung und Schärfung des Bewusstseins für die Notwendigkeit von Veränderungen, und schließlich um das Aufzeigen von neuen, nachhaltigen Wegen.

Der Aktionstag 2025 hat sich ausgezeichnet durch eine große Vielfalt an Angeboten. Diese reichten von Infoveranstaltungen etwa zu Carsharing oder naturnahen Gärten über ein Klima-Pub-Quiz und lokale Wirtschaftsansätze bis hin zu Natur-Exkursionen. Das ifz war mit einem gut besuchten Workshop zu Demokratie mit dabei. Durch diese Vielfalt wurden unterschiedliche Zielgruppen angesprochen, denn wir müssen über die Blase der bereits Sensibilisierten hinaus mehr Menschen erreichen.

Ein wichtiger Aspekt der Aktionstage ist, das Thema Nachhaltigkeit wieder in die öffentlichen Debatten zu bringen. Denn nur weil man über die Klima- und Biodiversitätskrise derzeit weniger spricht, sind diese ja nicht verschwunden. Im Gegenteil, die ökosystemischen Grenzen werden immer mehr überschritten.

ifz: Wo sehen Sie aktuell die größten Möglichkeiten für wirksame Veränderung?

Hans Holzinger: Wir alle kennen das Konzept des Ökologischen Fußabdrucks. Mit diesem kann man das eigene ökologische Verhalten erfassen. Der Schwachpunkt dabei: Es wird ausschließlich die Ebene persönlicher Verhaltensänderung angesprochen. Größere Hebelwirkung erzeugen wir jedoch durch strukturelle Veränderungen. Beispiele wären das Anstoßen einer nachhaltigen und damit auch gesünderen Verpflegung in öffentlichen Einrichtungen, fußgänger- und fahrradfreundliche Orte bzw. – auf höherer politischer Ebene – die Abschaffung fossiler Subventionen oder von ethisch nicht vertretbarer Massentierhaltung. Hierfür wurde das Konzept des „Handabdrucks“ entwickelt, der Möglichkeiten gemeinsamen Handels zur Veränderung der Strukturen aufzeigt.

ifz: Warum ist es wichtig, Klimaschutz nicht nur technisch oder ökonomisch, sondern auch gesellschaftlich zu denken? Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht sozialer Zusammenhalt für eine gelingende ökologische Transformation

Hans Holzinger: Technologische Innovationen können zu Treibern der Transformation werden. So sind erneuerbare Energien mittlerweile am Markt kostengünstiger als fossile Energieträger. Auch die Stromspeichertechnologien werden immer besser. Ökonomisch gesehen ist es eine zentrale Aufgabe, unsere Wirtschaft auf Wachstumsunabhängigkeit zu trimmen. Wachstum ist per se nicht schlecht, aber die Entkopplung vom Ressourcenverbrauch gelingt leider nicht in ausreichendem Maß. Zudem gibt es Sättigungstendenzen – mittels Werbung müssen immer neue Bedürfnisse geschaffen werden. Um diese Veränderungen anzustoßen, brauchen wir daher auch neue Bilder von einem guten Leben für alle – so lautet ja das Motto unserer Aktionstage. Begrenzungen, die notwendig sein werden, sind leichter zu akzeptieren, wenn etwas anderes versprochen werden kann: wie soziale Sicherheit, Möglichkeiten der Selbstentfaltung und des gemeinsamen Handelns. Wir brauchen wieder mehr Gemeinsinn – das erfordert sozialen Zusammenhalt, nicht Spaltung.

Mein Lieblingssatz lautet: Wir leben ökologisch über unsere Verhältnisse, kulturell und sozial aber unter unseren Möglichkeiten. Für die Wirtschaft gibt es mittlerweile zahlreiche Ansätze erweiterter Wohlstandsindikatoren, etwa die Donut-Ökonomie der britischen Ökonomin Kate Raworth, die die Sicherung der Grundbedürfnisse mit den planetaren Grenzen verbindet.

ifz: Welchen persönlichen Beitrag kann jede Person selbst leisten? Welche Formen von Alltagsverantwortung halten Sie für besonders wirksam und zugleich realistisch?

Hans Holzinger: Entscheidend ist die Einübung anderer, ökologischer Alltagsroutinen: Arbeits- und Pendelwege mit dem Öffentlichen Verkehr zurücklegen, das Fahrrad als Alltagsfahrzeug nutzen, vegetarische Gerichte in die Wochenmenüs einplanen, Solarenergie nutzen, wo und wie immer das möglich ist, sich für langlebige Produkte entscheiden. Güterwohlstand bedeutet nicht, möglichst viele Dinge zu besitzen, sondern jene, die wir wirklich brauchen und mit denen wir uns auch befreunden können. Das Wichtigste: Den Charme des Genug als Bereicherung erfahren. Das darf man nicht romantisieren. Es gibt auch in unseren materiell reichen Gesellschaften immer mehr Menschen, die ihre Grundbedürfnisse nicht ausreichend erfüllen können. Das erfordert politische Umsteuerung: faire Verteilung, höhere Mindestlöhne, leistbare Mieten, tatsächliche Leistungsgerechtigkeit – denn niemand kann das Hundertfache eines Durchschnittsverdienenden leisten.

ifz: Maßnahmen für Klimaschutz und Nachhaltigkeit betreffen unterschiedliche Bevölkerungsgruppen nicht gleichermaßen. Wie kann sichergestellt werden, dass ökologische Transformation sozial gerecht gestaltet wird und niemand strukturell benachteiligt wird?

Hans Holzinger: Wir sprechen von einer sozial-ökologischen Transformation. Am gerechtesten wären Umweltbudgets, die auf alle gerecht aufgeteilt werden, zum Beispiel ein CO2-Konto oder ein Rohstoffkonto, welches jeder und jede im Laufe seines Lebens aufbrauchen darf. Das würde auch die Reichen treffen. Das Problem dabei: Diese Budgets sind schwer umsetzbar. So bleibt nur, sich (wieder) für mehr Verteilungsgerechtigkeit einzusetzen: Minimal- und Maximaleinkommen, Vermögensobergrenzen, leistbare Versorgung mit den Grundgütern für alle. Die Vermögensbegrenzung werden wir auch brauchen, um die massive öffentliche Verschuldung zurückzudrehen.

Die Wirtschaftsethikerin Ingrid Robeyns hat hierfür den Begriff des „Limitarismus“ geprägt. Klima- und Verteilungsgerechtigkeit gehören somit zusammen. Nur so können wir auch die Wachstumsabhängigkeit überwinden. Denn: Wenn Wachstum ein Ersatz für Verteilung war, dann ist Verteilung auch ein Ersatz für Wachstum, so der Ökonom Jason Hickel.

ifz: Vielen Dank für das Gespräch!

 

Mehr Infos: https://klimabildungsalzburg.org/2026/

Sie können das Interview mit Hans Holzinger auch im PDF Format lesen (zum Downlaod).

© Foto Hans Holzinger/Carmen Bayer

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