Beitrag 2: Meine Erfahrungen zu COVID-19

Weiblich, 34 Jahre, Angestellte, Salzburg Stadt

Beitrag 47: Meine Erfahrungen zu COVID-19
Frage 1: In welchem Bereich Ihres Lebens machen Sie aktuell die tiefste Erfahrung von Veränderung? Bitte beschreiben Sie, was diese Änderung für Sie oder Ihr unmittelbares Umfeld bedeutet:

Die größte Veränderung war für mich, dass wir als Familie über Wochen hinweg nicht gemeinsam das Haus verlassen konnten. Bei uns in Südtirol war es bis vor kurzem so, dass immer nur ein Elternteil mit einem Kind kurz rausgehen konnte. Das wurde nun etwas entschärft, jetzt ist es meiner Frau und mir wieder möglich, gemeinsam mit unseren zwei Kindern – wenn auch nur kurz – rauszugehen.

Beruflich spüre ich keine Veränderung, da ich als Landwirt normal weiterarbeiten kann. Allerdings mussten wir auf die Lieferung von bestimmten Materialien länger als üblich warten. Die Corona-Pandemie hat mich bzw. uns hauptsächlich privat getroffen.

Ich habe allerdings ein schlechtes Gewissens, da ich durch meine Arbeit in den vergangenen Wochen sehr viel außer Haus war und meine Frau mit unseren zwei kleinen Kindern großteils alleine war.

Frage 2: Welche (neuen oder verschärften) Sorgen, welche Ängste begleiten Ihre jetzige Situation?

Meine Sorgen betreffen die Zukunft nach der Krise. Wie wird das weitergehen? Wann kommt eine Impfung? Wie geht es mit dem Kindergarten und der Schule weiter? Wird sich Italien wirtschaftlich erholen können?

Aber am schlimmsten finde ich die sozialen Auswirkungen: Bei uns waren die Menschen die vergangenen Wochen regelrecht in ihren Häusern und Wohnungen eingesperrt. Viele sind durch diese Isolation und Einsamkeit traumatisiert. Menschen haben angefangen, sich gegenseitig auszuspionieren und die Polizei zu rufen, nur weil sie jemanden auf der Straße gesehen haben. Es wurden sogar Drohnen eingesetzt, um die Straßen und Menschen zu beobachten. Viele haben Angst, außer Haus zu gehen oder miteinander zu reden. Wenn mein kleiner Sohn jemanden auf der Straße sieht, fürchtet er sich, dass die Polizei kommt und er eine Strafe erhält. Angst war und ist das vorherrschende Gefühl hier bei uns. Die Geldstrafen sind immens hoch. Erst vergangene Woche ist eine Mutter mit ihren zwei kleinen Kindern eine kleine Runde um den Häuserblock spazieren gegangen. Sie musste über 200 Euro Strafe zahlen. Niemand, der das nicht selbst miterlebt, kann sich vorstellen, wie es ist, so zu leben.

Frage 3: Können Sie persönlich der jetzigen Situation Positives abgewinnen, z.B. gewisse Erleichterungen, Befreiungen von Zwängen etc.? Gibt es etwas Konkretes, das Ihnen Hoffnung für die Zukunft „nach Corona“ gibt?

Positiv finde ich die Auswirkungen auf die Natur: Es ist kein Verkehr mehr, Parkplätze sind leer, keine Flugzeuge sind am Himmel, man hört keinen Lärm. Früher waren unsere Berge mit Wanderern und Radfahrern überfüllt. Das hat sich nun krisenbedingt gelegt. Man kann richtig zusehen, wie sich die Natur erholt.

Freitag, 17. April 2020
Männlich, 33 Jahre, Selbstständig, Südtirol