Beitrag 2: Meine Erfahrungen zu COVID-19

Weiblich, 34 Jahre, Angestellte, Salzburg Stadt

Beitrag 39: Meine Erfahrungen zu COVID-19
Frage 1: In welchem Bereich Ihres Lebens machen Sie aktuell die tiefste Erfahrung von Veränderung? Bitte beschreiben Sie, was diese Änderung für Sie oder Ihr unmittelbares Umfeld bedeutet:

Derzeit mache ich – in mir selbst – die tiefste Erfahrung in Form von Bewusst-Sein. Ich nehme eine erhöhte Präsenz in mir wahr, einfach im Hier und Jetzt sein. Dies ist einfach da, ohne dass ich bewusst den Fokus darauf richte. Vermutlich dadurch, dass ich einiges an „Ablenkung“ im Außen wegfällt.

Beruflich war es eine Umstellung von einem Tag zum anderen auf Home-Office umzustellen. Die Klientinnen nicht mehr unmittelbar zu sehen. Mimik, Gestik und die Resonanz des Gesagten ist nicht mehr sichtbar bei der telefonischen Beratung. Und doch entstand in diesen Telefongesprächen ein „Wir-Gefühl“, die Frauen erkundigten sich, wie es mir in dieser Situation geht und wie ich damit umgehe.

Im Privatleben verbringen mein Mann und ich mehr Zeit zusammen zuhause. Für uns als Familie ist es eine Umstellung, dass unsere erwachsenen Kinder und Enkelkinder nicht mehr kommen oder übernachten können oder wir sie besuchen können. Genauso mit der Großmutter bzw. Urgroßmutter. Auch dass es keine herzigen Berührungen derzeit gibt, um uns gegenseitig nicht anzustecken und dadurch womöglich andere Menschen gefährden. Doch der Gedanke daran, dass dies zum Schutze der Bevölkerung ist, hilft sich daran zu halten. Das Einkaufen mit Mundschutz war beim ersten Einkauf von einem etwas bedrückenden Gefühl begleitet.

Frage 2: Welche (neuen oder verschärften) Sorgen, welche Ängste begleiten Ihre jetzige Situation?

Ich bin eine Person mit positiver Lebenseinstellung und gesegnet mit einer guten Basis an Vertrauen ins Leben. Eine neue Sorge ist jene um meine Mutter. Sie ließ sich anfangs nichts sagen und ging noch einkaufen, obwohl sie zur Risikogruppe gehört und ich gerne für sie einkaufen gegangen wäre. Erst nachdem ich ihr gesagt habe, dass dies der Bundeskanzler nicht erlaube, weil sie eine gefährdete Person ist, durfte ich den Einkauf übernehmen. Und sie hat sich daran gehalten.

Viele Klientinnen hatten existenzielle Sorgen und tiefgehende Ängste. Sie in dieser Zeit konkret zu unterstützen, da zu sein und Schritte zu entwickeln damit umzugehen und später auch das zu sehen, was trotz allem auch gut ist im Leben, begleitet mich beruflich. Manchmal begleitet mich auch echte Sorge um jene Person und deren Angehörige, und mich beschäftigt, was ich noch tun und wie ich noch unterstützen kann. Doch die konkrete Hilfe, welche organisiert werden konnte, und die Telefongespräche in diesem Moment waren bereits hilfreich, und ich musste mich darauf besinnen, einfach den Kontakt zu halten und „da“ zu sein.

Auch die Sorge um andere Personen im näheren Umfeld oder Familienangehörige, welche in Italien leben, ist neu. Doch ein vermehrter telefonischer Kontakt mit Videokamera hilft.

Frage 3: Können Sie persönlich der jetzigen Situation Positives abgewinnen, z.B. gewisse Erleichterungen, Befreiungen von Zwängen etc.? Gibt es etwas Konkretes, das Ihnen Hoffnung für die Zukunft „nach Corona“ gibt?

Mutter Erde konnte sich bereits in dieser kurzen Zeit, in welcher sich die Menschen zurückgezogen haben, erholen. Dies zeigt, was alles möglich ist, und gleichzeitig zeigt dieser Virus uns Menschen die Grenzen auf und trifft genau dort, wo bereits das Pendel zu weit ausgeholt hatte.

Nun liegt der Fokus auf das Wesentliche im Leben und vieles Unwichtige fällt einfach weg. Das befreit auch. Die Gespräche mit Nachbarn und generell anderen Menschen sind intensiver – weg von oberflächlichem hin zu aufrichtigem Interesse und Anteilnahme am Anderen.

Meine Hoffnung ist, dass auch nach Corona, unter anderem auch mehr Videokonferenzen anstelle von Geschäftsreisen, mehr Regionalität sowie die Verbundenheit und Solidarität zwischen den Menschen aufrecht erhalten bleibt. Und durch Corona die Chance auf einen Wandel zu mehr Verbundenheit aller Lebewesen auf der Erde im Einklang mit der Natur möglich ist.

Frage 4: Was hilft Ihnen dabei, gut durch diese Situation zu kommen? Was stärkt Ihre Widerstandsfähigkeit? Gibt es neue Gewohnheiten oder alte, die Sie aufleben lassen, um Ihr Wohlbefinden zu stärken?

Ich werde mir intensiver bewusst und mache gleichzeitig die Erfahrung, dass ich darauf achte und es wichtig ist, worauf ich meine Gedanken lenke. Diese sind durchwegs positiv. Als ich „negative“ Gedanken hatte und sogar ausgesprochen habe, dass die Technik und ich nicht befreundet sind, zeigte sich mir dies sofort und die Erfahrung bestätigte mir diese Aussage in Form von Schwierigkeiten auch bei kleineren technischen Themen. So machte ich mir dies bewusst und arbeitete an dem „Ich-bin-gerade-dabei-mich-mit-der-Technik-anzufreunden-und-zu-lernen“.

Dankbarkeit begleitet mich schon viele Jahre. Es gibt so vieles wofür ich dankbar bin, schon allein in Österreich zu leben erfüllt mich mit Dankbarkeit. Derzeit mache ich mir bewusst, wie ich mein Leben gestalten möchte und was ich Positives beitragen kann zur Veränderung. Denn wenn viele Menschen bereit sind, nicht nur über nötige Veränderung zu reden, sondern selbst etwas beitragen, so kann dies gelingen. Die Berliner Mauer ist auch nicht durchbrochen worden durch den Wunsch einiger weniger Menschen. Doch als ganz viele Menschen diesen Wunsch hatten und darauf zugingen, fiel die Berliner Mauer.

Freitag, 10. April 2020
Weiblich, 52 Jahre, Case Management, Salzburg