Beitrag 2: Meine Erfahrungen zu COVID-19

Weiblich, 34 Jahre, Angestellte, Salzburg Stadt

Beitrag 31: Meine Erfahrungen zu COVID-19
Frage 1: In welchem Bereich Ihres Lebens machen Sie aktuell die tiefste Erfahrung von Veränderung? Bitte beschreiben Sie, was diese Änderung für Sie oder Ihr unmittelbares Umfeld bedeutet:

Der Vater unserer Kinder und mein Ehemann darf nicht mehr Nachhause kommen. Er arbeitet in einem systemrelevanten Job. Bei uns im Haus lebt seine 80-jährige Mutter und ich selber habe Asthma und bin zurzeit an einer starken Bronchitis erkrankt. Wir telefonieren und skypen, zurzeit ist er wieder in unserem Wohnort. Wenn er uns besucht, dann im Garten und wir sprechen aus vermeidlich sicherer Entfernung miteinander.

Frage 2: Welche (neuen oder verschärften) Sorgen, welche Ängste begleiten Ihre jetzige Situation?

Aufgrund einer anhaltenden und akuten Atemwegserkrankung, habe ich Sorge, mich mit Covid-19 anzustecken. Ich bin seit über vier Wochen krank und musste bereits ins Krankenhaus. Wir haben eine 10-jährige Tochter und ich habe Angst, dass sie möglicherweise ohne mich aufwachsen muss, wenn ich mich infiziere.

Frage 3: Können Sie persönlich der jetzigen Situation Positives abgewinnen, z.B. gewisse Erleichterungen, Befreiungen von Zwängen etc.? Gibt es etwas Konkretes, das Ihnen Hoffnung für die Zukunft „nach Corona“ gibt?

Ich sehe diese Situation als Chance, unser Konsumverhalten und das stetig notwendige Wirtschaftswachstum zu überdenken. Die notwendige Digitalisierung im Moment wird unsere Auffassung von Arbeitsplätzen verändern. Die Notwendigkeit, auch ohne Reisen Meetings abzuhalten, wird unseren Begriff von Mobilität neu definieren. Die Schule und die Lehrer müssen auch im fortgeschritten Alter lernen, sich an neue Situationen zu gewöhnen. Ich denke Schule muss und wird neu gedacht werden.

Die Erfahrung, dass es zu einer Zunahme von Gewalt in den Familien unter Isolation kommt, wird hoffentlich zu einem neuen Bewusstsein führen, dass toxische Männlichkeit nicht nur ein erfundener Begriff der Geschlechterforschung ist. Diese Katastrophe wird möglicherweise ein Umdenken im Bereich des Klimawandels und der damit verbundenen Umweltkatastrophen bringen. Ich glaube fest daran, dass der Mensch aufgrund seines kreativen Potenzials in der Lage ist, Lösungen für diese und kommende Krisen zu finden.

Frage 4: Was hilft Ihnen dabei, gut durch diese Situation zu kommen? Was stärkt Ihre Widerstandsfähigkeit? Gibt es neue Gewohnheiten oder alte, die Sie aufleben lassen, um Ihr Wohlbefinden zu stärken?

Ich habe ein großes Maß an Resilienz. Meine Biografie ist voll von kleineren und größeren dramatischen Ereignissen. Ich habe eine positive Grundhaltung, gegenüber einschneidenden Lebensereignissen. Sie stehen immer auch für Veränderung und das Überdenken der eigenen Prioritäten und Einstellungen.

Abgesehen davon bin ich ein introvertiertes Einzelkind mit einem introvertierten Einzelkind als Tochter. Die gesellschaftliche Isolation empfinden wir beide als nicht allzu belastend. Wir folgen einem relativ strikten Tagesplan während der Woche, aber am Wochenende zelebrieren wir dieses auch (keine Arbeit, keine Schule und keine Pläne).

Außerdem haben wir den Vorteil in einem großen Haus mit Terrasse, Garten und Haustieren zu leben. Mein Mann und ich sind beruflich so aufgestellt, dass wir zwar finanzielle Einbußen hinnehmen müssen, diese sind aber nicht existenzbedrohend. In diesem Bewusstsein leben wir auch. Wenn wir das Gefühl haben, es ist nicht mehr erträglich, erinnern wir uns an die Menschen, die all diese Annehmlichkeiten nicht haben. Dann sind wir zwar traurig über deren Schicksale, aber unsere eigene Situation rückt in den Hintergrund und wir machen weiter.

Dienstag, 7. April 2020
Weiblich, 45 Jahre, Geschäftsführerin, Tamsweg