Beitrag 2: Meine Erfahrungen zu COVID-19

Weiblich, 34 Jahre, Angestellte, Salzburg Stadt

Beitrag 20: Meine Erfahrungen zu COVID-19
Frage 1: In welchem Bereich Ihres Lebens machen Sie aktuell die tiefste Erfahrung von Veränderung? Bitte beschreiben Sie, was diese Änderung für Sie oder Ihr unmittelbares Umfeld bedeutet:

Die strikten Ausgehregelungen bei uns in Südtirol machen mir aktuell am meisten zu schaffen: Die Gemeinde darf man zum Beispiel nur verlassen, um zur Arbeit zu gelangen oder um einen dringenden Arztbesuch zu machen. Das Haus oder die Wohnung darf man überhaupt nur dann verlassen, wenn man eine Selbsterklärung mit hat. Man darf nur die lebensnotwendigsten Sachen kaufen, also nur Lebensmittel, alle anderen Dinge wie Blumen, Blumenerde, Schreibwaren oder Spielsachen sind verboten. Keine Friedhofsbesuche, keine Krankenbesuche, keine Altersheimbesuche. Auch sterbende Angehörige darf man nicht besuchen, das ist schrecklich. Mit Hunde durfte man die vergangenen Wochen zwar Gassi gehen, jedoch nicht mit Kindern. Bei Missachtung dieser Maßnahmen drohten hohe Geldbußen.

Frage 2: Welche (neuen oder verschärften) Sorgen, welche Ängste begleiten Ihre jetzige Situation?

Ich fürchte, dass ganz viele Betriebe und Kleinbetriebe gar nicht mehr öffnen können. Nur größere Betriebe und Hotels haben meiner Ansicht nach eine Überlebenschance in dieser Krise. Ich habe Angst, dass Kleinbetriebe leer ausgehen und arme Familien noch mehr hungern müssen. Ich mache mir auch Sorgen, dass vor allem viele Frauen und Kinder jetzt in dieser Situation noch mehr leiden, sei es unter Gewalt oder anderen Misshandlungen. Die Nerven vieler Familien liegen nach wochenlanger Quarantäne blank.

Frage 3: Können Sie persönlich der jetzigen Situation Positives abgewinnen, z.B. gewisse Erleichterungen, Befreiungen von Zwängen etc.? Gibt es etwas Konkretes, das Ihnen Hoffnung für die Zukunft „nach Corona“ gibt?

Gewässer sind besser, die Luft ist besser. Autobahnen sind leer, Autos stehen still, ebenso wie Flugzeuge. In Italien gibt es viele Beispiele, zum Beispiel Venedig oder Sardinien, wo sich in dieser kurzen Zeit die Wasserqualität verbessert hat. Ich hoffe generell, dass sich die Umwelt etwas erholt. Aber ich fürchte, dass sich „nach Corona“ alles verschlimmert, weil viele Doppelschichten machen müssen etc. Allerdings steigen vielleicht auch viele auf Fahrräder um.

Frage 4: Was hilft Ihnen dabei, gut durch diese Situation zu kommen? Was stärkt Ihre Widerstandsfähigkeit? Gibt es neue Gewohnheiten oder alte, die Sie aufleben lassen, um Ihr Wohlbefinden zu stärken?

Ich bin viel im Garten und Hof. Ich mache Dinge, für die ich schon lange keine Zeit mehr hatte. Ich schwelge auch viel in Erinnerungen und schaue mir Fotos von früher an. Ich erledige sehr viel im Haushalt und hole viel nach. Ich lese viel mehr als früher und sitze manchmal einfach auf dem Balkon und genieße die Natur, schaue den Bäumen zu oder höre die Vögel zwitschern. Dafür hatte ich früher keine Zeit. Ich bin viel kreativer in der Küche, da ich nur einmal die Woche einkaufen gehe und mehr mit dem arbeite, was ich zu Hause habe. Ich koche bewusster und probiere mehr aus.

Sonntag, 5. April 2020
Weiblich, 63 Jahre, pensionierte Verkäuferin, Kortsch, Vinschgau (Südtirol)