Judith Kohlenberger über das Partizipationspotenzial von Geflüchteten

Rückblick Fachgespräch “Soziale Integration von geflüchteten Menschen”

Was können gemeinnützige Tätigkeiten für die soziale Integration von geflüchteten Menschen leisten? Welche Chancen und Risiken sind mit ihnen verbunden? Und wie sind sie ethisch zu bewerten?

Solche und ähnliche Fragen stehen im Zentrum eines aktuellen Forschungsschwerpunktes des ifz.

Beim Fachgespräch “Soziale Integration von geflüchteten Menschen: Kriterien, Erhebungsmethoden und Praxisbeispiele” tauschten sich ExpertInnen aus Wissenschaft und Praxis am 9. und 10. November 2017 über aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen und Forschungsvorhaben zu diesem Thema aus.

Drei Schwerpunkte standen im Zentrum:

  • Was steckt hinter sozialer Integration? Welche Begrifflichkeiten greifen ineinander? Wie wird das Thema auf fachlicher, sozialethischer und soziologischer Ebene behandelt? Worum geht es dabei neben der Eingliederung in den Arbeitsmarkt?
  • Mit welchen empirischen Erhebungsmethoden und Forschungsstrategien nähern sich die ForscherInnen der sozialen Integration, deren Bedingungen und Konsequenzen?
  • Wie sieht die Realität aus? Teilnehmende erzählten aus der Praxis und bestätigten oder ergänzten die Ergebnisse der Forschungen in der Diskussion mit eigenen Erfahrungen.

Erster Tag:
Soziale Integration
ein multidimensionaler Begriff

Helmut P. Gaisbauer, Miriam Foidl (Projektverantwortliche “Gemeinnützige Tätigkeit für Flüchtlinge in Gemeinden”) und Gunter Graf eröffneten die Fachtagung in den Räumlichkeiten des ifz mit der Präsentation des ifz-Integrationsprojekts in Kooperation mit dem Roten Kreuz.

Die Vorträge zu sozialethischer und soziologischer Theorie boten einen inspirierenden Auftakt für eine angeregte Diskussion mit den TeilnehmerInnen – viele davon selbst ExpertInnen im Bereich Integration:

Christian Spieß (KU Linz) thematisierte zunächst die Begriffe Integration und Inklusion. Sozialethisch gesehen geht Integration immer davon aus, dass jemand vom „Normalzustand“ entfernt ist und sich anpassen muss. Inklusion dagegen besteht dann, wenn eine Vielfalt an Lebensentwürfen respektiert wird. Spieß entwickelte die Idee einer inklusiven Gesellschaft unter Rückgriff auf die Anerkennungstheorie von Axel Honneth weiter und skizzierte, was dieser Ansatz für eine Migrations- bzw. Integrationspolitik bedeutet, wobei er aktuelle Themen wie etwa die Kürzung der Mindestsicherung für AsylwerberInnen oder die Förderung der Erwerbsfähigkeit und Erwerbstätigkeit von nicht anerkannten bzw. anerkannten AsylwerberInnen kritisch zur Sprache brachte.

Präsentation_Christian_Spieß

Einen beeindruckenden Bogen schlug Wolfgang Aschauer (Universität Salzburg) von der gesellschaftlichen Entwicklung der Aufnahmegesellschaft, bis hin zu individuellen Herausforderungen für die Geflüchteten auf dem Weg zur Integration. Er führte in die gesamtgesellschaftliche Konzeption der Sozialintegration aus soziologischer Sicht ein, u.a. Integration als eine Mehrfachorientierung an Herkunfts- und Residenzgesellschaft und nicht als Assimilation. Gesellschaftliche Dynamiken, wie Abstiegsängste und Egozentrismus sind Negativpotentiale in der Aufnahmegesellschaft, die die Bedingungen für Geflüchtete erschweren, aber mitbedacht werden sollten. Die „Flüchtlingskrise“ als Krise der Politik, Solidarität und Humanität. In drei konkreten Plädoyers für gute Voraussetzungen für Sozialintegration forderte er: Community-based actions, wohlfahrtstaatliche Sicherung und kulturelle Sensibilität.

Präsentation_Wolfgang_Aschauer

Isabella Buber-Ennser und Judith Kohlenberger (beide Wittgenstein Centre Wien) stellten die Pilotstudie zu den „Displaced Persons in Austria Survey (DiPAS)“ 2015, mit Geflüchteten, die erst seit kurzer Zeit in Österreich waren, vor. Sie gewährten einen  Einblick in die intensive Vorbereitung, die Berücksichtigung von Forschungsbedingungen und die Umsetzung der quantitativen Erhebung. Neben den ersten Erhebungen zu Potenzialen in Bildung und Berufserfahrung der 2015 Gekommenen, beschäftigte sich das Team um DiPAS auch mit kritisch diskutierten Themen, wie der erwartbaren Anzahl an Personen durch Familienzusammenführungen, Bildungsverhältnissen bei den Geflüchteten im Vergleich zum österreichischen Durchschnitt oder dem des Herkunftslandes, aber auch Einstellungen und Werte wurden in dieser Studie erhoben.

Präsentation_Isabella_Buber-Ennser/Judith_Kohlenberger

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Zweiter Tag:
Geflüchtete – eine multidimensionale Gruppierung in divergierenden Strukturen

Projekte und Maßnahmen versuchen eine Integration von Geflüchteten zu begünstigen. In den wissenschaftlichen Forschungen zu Projekten, Betreuung und Unterbringung wurden verschiedene Aspekte und Voraussetzungen  – positiv wie negativ – identifiziert und auf forschungspraktische Herausforderungen eingegangen.

Ines Findenig (SOS Kinderdorf) gab erste Einblicke in das laufende Forschungsprojekt des SOS-Kinderdorf zur Lebenswelt unbegleiteter Minderjähriger mit Fluchterfahrung in SOS-Kinderdorf-Unterbringungen. Das Projekt geht mit einer Smartphone-kompatible Online-Umfrage auf unterschiedliche Dimensionen und Gefühlszustände im Alltag nach der Flucht ein und neben der Berücksichtigung von verschiedenen Arten der Unterbringung auch auf Ängste, Wünsche und Zukunftspläne der Jugendlichen. Mit der Methode der Autofotografie und einem Workshop mit Diskussion und Erstellung von Collagen ergeben sich weitere Einblicke in die Lebenswelt der jungen Geflüchteten. Drei positive Momente der Integration der Jugendlichen werden dargestellt: Die meisten haben einen geregelten Tagesablauf, haben Kontakt zu Menschen außerhalb und den Wunsch nach Aus-/Bildung.

Präsentation_Ines_Findenig

Findenig, Spieß und Foidl im Gespräch

 

 

 

Eberhard Raithelhuber und Amancay Jenny (beide Universität Salzburg) ermöglichten einen Einblick in die Überlegungen zur Beforschung eines Mentoringprojekts für „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“. Eberhard Raithelhuber verwies auf die Notwendigkeit der Berücksichtigung und Auslotung von drei Dimensionen, die in der Vorbereitung einer Forschung zum Thema Flucht und Integration zu berücksichtigen sind: die institutionelle, die politische und die persönlich-biographische Dimension. Abgeleitet von diesen Überlegungen verwies er in einer Zusammenschau auf  methodische und forschungspragmatische Konsequenzen. Amancay Jenny ging auf die sprachlichen Herausforderungen in einer Forschung mit Geflüchteten aus unterschiedlichen Ländern und Notwendigkeit der Anpassung der Methoden auf die Individuen ein – bei einer Forschung, die sich auf jugendkulturellem und sprachlichem Neuland bewegt. Beide plädierten für Mut in einer „wilden Forschung“ und einen multidimensionalen Zugang mit Beachtung der spezifischen Voraussetzungen.

Präsentation_Eberhard_Raithelhuber/Jenny_Amancay

Florian Gann (Universität Salzburg) sensibilisierte für die Situation des „Wartens im Asyl“.  Anhand exemplarischer Fallbeispiele von geflüchteten Männern in Salzburg beschrieb er die erschwerte Ausgangslage für soziale Integration, die aus einer unsicheren und einschränkenden Position des Asylwerbens resultiert. Diese Sensibilisierung für den Prozess von Geflüchteten, der eine Umschichtung oder auch Neubildung der Identität des Einzelnen erfordert, leitete in eine angeregte Diskussion zur Möglichkeit und Anforderung einer Neudefinierung des Selbst im Fluchtkontext über.

Präsentation_Florian_Gann

Die beiden Tage der intensiven Diskursauslotung brachten eine erfolgreiche Annäherung von Theorie, Empirie und beruflicher, sowie freiwillig-engagierter Praxis. Wir danken den Vortragenden und TeilnehmerInnen für eine inspirierende Veranstaltung.

Bleiben wir im Gespräch!