Fachgespräch zum Thema “Sozialraumorientierung – ein geeignetes Paradigma für die Caritas Österreich?“

Rückblick: Fachgespräch zum Thema Sozialraumorientierung

Am 27. und 28. März lud das ifz gemeinsam mit der Caritas Österreich zum Fachgespräch zum Thema „Sozialraumorientierung – ein geeignetes Paradigma für die Caritas Österreich?“. Zwei Tage lang kamen WissenschaftlerInnen und Caritas-VertreterInnen aus mehreren österreichischen Bundesländern und Deutschland, die alle auf verschiedenen Ebenen mit sozialräumlich orientierten Projekte zu tun haben, zu einem intensiven Austausch zusammen.

In angenehmer Arbeitsatmosphäre trafen sich diese ExpertInnen aus Theorie und Praxis, um das Potential des Konzepts der Sozialraumorientierung für die Arbeit der Caritas Österreich auszuloten, Herausforderung zu analysieren und Erfahrungen aus der Praxis aus schon bestehenden Initiativen auszutauschen.

Das Konzept der Sozialraumorientierung ist in Theorie und Praxis der sozialen Arbeit mittlerweile fest verankert. Gemeinsam ist sozialraumorientierten Ansätzen, dass sie die einzelfallbezogene Arbeit in den Kontext der einzelfallübergreifenden und der einzelfallunabhängigen Bezüge stellt. Sozialraumorientierung ist damit ein mehrdimensionales Konzept, das sowohl Gemeinwesenarbeit wie auch Regionalplanung und integrierte Dorf- und Stadtentwicklung betrifft. Letztendlich geht es darum, einerseits auf der individuellen Ebene über den Zugang zum sozialen Raum Lebenswelten so zu gestalten, dass Menschen befähigt werden, in schwierigen Lebenslagen besser zurechtzukommen und andererseits auf der gesellschaftlichen Ebene Inklusion, Teilhabe und Solidarität zu stärken. Ziel ist es, dass es zu einer „Verzahnung“ aller Akteure im Sozialraum zum Wohle der Betroffenen kommt. Sozialraumorientierung geht dabei immer von den Interessen und vom Willen der lokalen Bevölkerung aus und bemüht sich somit um einen „Dialog auf Augenhöhe“, denn die Entwicklung des Sozialraumes ist nur möglich, wenn die Bevölkerung aktiv eingebunden ist.

Seit einiger Zeit gibt es auch in den Caritasverbänden Österreichs und Deutschland Bemühungen, sozialraumorientiert zu arbeiten. Kurt Schalek und Judith Marte-Huainigg von der Österreichischen Caritaszentrale erörterten aktuelle Herausforderungen, schon bestehende Ansätze sozialräumlichen Handelns, Potentiale sowie Chancen und Risiken von Sozialraumorientierung in den verschiedenen Handlungsfeldern der Caritas.

In Deutschland wird mit einem Bundesmodellprogramm sowie verschiedenen Diözesanprojekten systematisch daran gearbeitet, Sozialraumorientierung als grundlegendes Handlungskonzept für die Caritas zu verankern. Karin Vorhoff vom Deutschen Caritasverband erläuterte den Prozess der Implementierung dieser neuen Leitstrategie und bisherige „Projektmeilensteine“. Helmar Fexer, stellvertretender Diözesan-Caritasdirektor in Bamberg gab Einblicke in die Initiative in seiner Diözese und zeigte die innerorganisatorischen Herausforderungen auf, die die Umsetzung von Sozialraumorientierung mit sich bringen. Erforderlich ist demnach eine Veränderung der Perspektive und des eigenen Selbstverständnisses als Organisation aber auch bei den Führungskräften, die aufgefordert sind, die eigenen Ansätze anhand folgender Leitfragen zu reflektieren:

  • Inwieweit tragen die bestehenden Konzepte und Leitbilder zur Förderung der selbstbestimmten Teilhabe der Menschen im Sozialraum bei?
  • Wie kann Sozialraumorientierung gemäß den aufgeführten Prinzipien im jeweiligen Verantwortungsbereich umgesetzt werden?

Anita Hofmann (Caritas Salzburg) und Norbert Partl (Caritas Wien) reflektierten das Konzept der Sozialraumorientierung aus der Perspektive der Angehörigen- und Freiwilligenarbeit und stellten konkrete Projekte vor, die sozialräumliche Perspektiven aufweisen. Yasmin Gogl (Caritas Steiermark) analysierte die Auswirkungen der Umsetzung des Fachkonzepts Sozialraumorientierung in der Jugendwohlfahrt der Stadt Graz seit 2010 und thematisierte auch potentielle Risiken des Konzepts, die bestehen, wenn strukturelle und budgetäre Veränderungen im Zentrum stehen und fachliche Aspekte diesen untergeordnet werden.

Elisabeth Buchner und Gunter Graf vom ifz analysierten Potentiale von Sozialraumorientierung im Bereich Betreuung und Pflege auf Basis des aktuell in der Ausarbeitung befindlichen Ethikberichts zum „Guten Leben in Betreuung und Pflege“. Im analytisch-theoretischen Beitrag von Susanne Schäfer-Walkmann von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg ging es abschließend um sozialarbeitswissenschaftliche Reflexionen zu den Themen „Lebenswelt und sozialer Raum“.

Das Fachgespräch wurde mit einem Abschlussplenum beschlossen. Einig waren sich alle Teilnehmenden, dass die Potentiale des Konzepts der Sozialraumorientierung, ohne Ausblenden der ebenfalls gegebenen Risiken, noch lange nicht ausgeschöpft sind und in vielen Handlungsfeldern der Caritas, in Österreich wie in Deutschland, viel versprechende Perspektiven eröffnen.

PDF-Folien der Vorträge zum Download: