Benediktakademie 2012

Rückblick: Zwischen Vernunft und Glauben: Vom allmächtigen, allwissenden, allgegenwärtigen Gott zum „Lückenbüßer“?

Gruppenfoto-bearbeitet(Salzburg, 18.09.2012) „Es ist mehr, und mehr erklärbar – und das macht uns Angst, erfüllt uns mit Kälte und Einsamkeit“ zitiert Clemens Sedmak aus dem Gedicht „Dover Beach“ von Matthew Arnold eingangs am dritten öffentlichen Gesprächsabend der Benediktakademie der „Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung“ in St. Virgil Salzburg. Am Podium diskutierten Astronom Prof. Franz Kerschbaum, Physiker Prof. Christian Aichelburg und Philosoph DDr. Stefan Gross das Thema „Ist alles erklärbar? Naturwissenschaften und Religion im Dialog“.

Seit der Weiterentwicklung der Naturwissenschaften befindet sich der Glaube in Bedrängnis, stellt Kerschbaum gleich vorweg fest und zeigt die historische Tradition von Glaube und Astronomie im Spannungsverhältnis auf.  Die Astronomie wurde seit jeher eingesetzt um Allmächtigkeitsansprüche zu visualisieren, so der Astronom. Brauchte man beispielsweise früher einen Gott, damit es blitzt, so ist er heute nicht mehr von Nöten. Die Naturwissenschaften haben dem Glauben in manchen Bereichen den Rang abgelaufen. Das schwächt den Glauben. Die Naturwissenschafter Kerschbaum und Aichelburg wissen aber auch um die Grenzen der Wissenschaft. Denn trotz stetem wissenschaftlichen Fortschritt und neuer Erkenntnis können nicht alle Fragen immer mit naturwissenschaftlichen Methoden erfassbar gemacht werden. Sehr oft sind es vereinfachte Modelle, berechnete Mittelwerte und ein ungefährer Ausgangszustand von dem ausgegangen werden muss. Beispielsweise kann man in der Quantentheorie nicht sagen, wann ein radioaktives Atom zerfällt, so Aichelburg. Man wird es vermutlich auch gar nie sagen können. Alles was nicht erklärbar scheint, oder nicht nach einer Erklärung verlangt, wird daher gerne als Zufall bezeichnet. Das eröffnet Raum und schwächt die Wissenschaft – es entsteht Platz für Glaubensfragen. Als Physiker warnt Aichelburg im selben Atemzug davor, Gott hier als „Lückenbüßer“ einzusetzen und davor eine komplementäre Methode von Naturwissenschaft und Religion zu fördern.

Die Diskussion am Dienstagabend zeigte, gerade Wissenschafter bewegen sich oft zwischen Extreme von Glaube und Vernunft. Kerschbaum schilderte seinen persönlichen Zugang in diesem Spannungsfeld: Er unterscheide zwischen kosmischer Religiosität, dem Staunen über die Naturgesetze, und der persönlichen Religiosität. In seiner persönlichen Religiosität nimmt er sich die Freiheit und „schaltet auch mal den Wissenschafter in sich aus“. Prof. Aichelburg wiederspricht dem: „Es handle sich schließlich nicht um Spielregeln bei einer Partie Tennis die nach dem Match nicht mehr gelten.“ Als Wissenschafter zu glauben, schließt sich aber per se nicht aus, kontert Gross. Beste Beispiele dafür, sind Albert Einstein, Emanuel Kant und Werner Heisenberg. Einigkeit zwischen den Referenten besteht darüber, wie schwierig es ist „Glauben“ zu verstehen und diesen für andere erlebbar zu machen. „Versuchen Sie einen Blinden die Farbe Rot zu erklären!“, fordert Aichelburg auf. Er zieht Parallelen zwischen Kunst und Glauben: „Ein Kunstwerk kann man verstehen, aber es hat etwas darüber hinaus. Umgekehrt kann man es auch nicht verstehen und dennoch Gefallen daran finden.“ Ähnlich verhält es sich mit den Tulpen am Felde, sie sind einfach da – sie wissen aber nicht dass sie uns erfreuen.

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