Rückblick: Tagung „Kinderarmut aus Sicht des Capability-Ansatzes: Potential und Grenzen des Ansatzes in Theorie und Praxis“

Aktuelle Studien zeigen, dass auch in unseren Breiten immer mehr Kinder von Armut betroffen sind. Doch auf welcher theoretischen Grundlage soll man sich diesem Phänomen nähern? Wie lässt sich Kinderarmut messen und wie kann sie effektiv bekämpft werden? Und welchen Beitrag kann dabei der Capability-Ansatz leisten, der in verschiedenen Disziplinen als Grundlage zur Konzipierung und Erforschung von Wohlergehen und Armut dient? Diesen Fragen widmete sich eine Tagung, die von 26. bis 28. April in Eichstätt abgehalten wurde. Den beteiligten Wissenschaftlern wurde erstmals die Gelegenheit gegeben, sich systematisch und über Fachgrenzen hinweg über das Potential und die Grenzen des Capability-Ansatzes im Hinblick auf Kinderarmut auszutauschen. Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe waren ebenfalls eingeladen, um die Tragfähigkeit der entwickelten Konzepte in der Praxis einschätzen zu können. Gunter Graf vertrat das internationale forschungszentrum für soziale und ethische fragen und berichtete von seinen Forschungsergebnissen der letzten drei Jahre.

Der Capability-Ansatz geht auf den Ökonomen und Philosophen Amartya Sen sowie die Philosophin und Rechtswissenschaftlerin Martha Nussbaum zurück. Der Ansatz versteht unter Armut eine Einschränkung der Handlungsmöglichkeiten, die nicht nur auf mangelndes Einkommen, sondern auch auf andere Faktoren (Bildungsmöglichkeiten, Gesundheitsversorgung, familiäres Umfeld etc.) zurückzuführen ist. Welche Bedeutung diese Art von Armut etwa auch in Deutschland hat und wie sie von Kindern und Jugendlichen erlebt wird, zeigen mehrere auf der Tagung präsentierte Forschungsprojekte, die den CA auf das Thema Kinderarmut anwenden und seine praktische Relevanz untersuchen.

Einerseits waren sich die Tagungsteilnehmer einig, dass der Capability Ansatz großes Potential besitzt, um auch im Feld der Kinderarmutsforschung zum Einsatz zu kommen. Erstens bietet er einen multidimensionalen Zugang. Er verlagert den Blick vom Einkommen auf andere Dimensionen – meist Bildung oder Gesundheit – und erhebt den Anspruch, die Lebenssituation der Betroffenen umfassend in den Blick zu nehmen. Zweitens begreift er den Menschen immer als Handelnden, nicht als passiven Empfänger von wohlfahrtspolitischen Maßnahmen. Daraus resultiert die klare normative Grundhaltung, die Handlungsfreiheit des Einzelnen zu respektieren. Sie wirkt zum einen paternalistischen Tendenzen entgegen, und sorgt zum anderen dafür, auch die unbeabsichtigten Folgen politischer Maßnahmen ins Auge zu fassen. Drittens  ist der CA zu vielen anderen wissenschaftlichen Disziplinen anschlussfähig und eignet sich als Grundlage für einen interdisziplinären Dialog. Andererseits zeigte sich aber auch, dass einige Hindernisse bestehen, die die Anwendung des CA auf Kinderarmut erschweren. Er muss durch kindheitstheoretische und pädagogische Überlegungen ergänzt werden, die jedoch oft selbst umstritten sind, was die Komplexität des Themas zusätzlich erhöht. So wurde beispielsweise kontrovers diskutiert, was Autonomie und Entscheidungsfreiheit im Kindesalter bedeuten und welche Erziehungsmaßnahmen mit dem Ansatz vereinbar sind.