Dr. Gottfried Schweiger Vortrag im Rahmen der NGO-Konferenz 21. Mai 2010

Arbeitslosigkeit: Möglichkeiten und Grenzen menschenwürdiger Arbeitslosigkeit

Im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise hat sich das Problem der Arbeitslosigkeit weiter verschärft. Will man nun über mögliche Lösungsansätze diskutieren, so erscheint es hilfreich, Arbeitslosigkeit einen größeren Kontext zu stellen und in ihren verschiedenen Facetten zu beleuchten. Arbeit und Arbeitslosigkeit sind so zwei Seiten einer Medaille, der Organisation und des Verständnisses von Erwerbsarbeit in modernen Gesellschaften. Die historische Aufwertung und schließliche Verengung des Arbeitsbegriffes auf Erwerbsarbeit hat die weiterreichenden Implikationen von Arbeit, ihren Sinngehalt, ihre identitätsstiftende Bedeutung für die Entwicklung des Einzelnen, zunehmend verdrängt.

Arbeit als anthropologische Kategorie, die den Menschen auszeichnet, ist mehr als (entlohnte) Erwerbsarbeit und zielt demgegenüber vielmehr auf die sinn- und identitätsstiftenden und gemeinschaftlichen Aspekte von Arbeit. In diesem Sinne gibt es so etwas wie Arbeitslosigkeit nicht. Der Mensch, auch derjenige, der keinen Arbeitsplatz besitzt, ist vielfach sinnvoll, für sich selbst und andere, tätig und es ist eine Aufgabe der Gesellschaft und der Politik, jedem Menschen auch die Möglichkeiten zu einer sinnvollen und selbstbestimmten Tätigkeit zu geben. Wird Arbeitslosigkeit aus ihrer Verengung auf das Fehlen eines (entlohnten) Arbeitsplatzes gelöst, so erscheinen auch die vielfachen mit ihr verbundenen Probleme in einem neuen Licht.

Das Konzept der menschenwürdigen Arbeitslosigkeit zielt auch auf diesen Perspektivenwechsel. Es steht dabei in einem engen Zusammenhang mit dem, was die Internationale Arbeitsorganisation der UNO als menschenwürdige Arbeit, decent work, bezeichnet und propagiert. Es geht hier im wesentlichen um vier Punkte, die sowohl menschenwürdige Arbeit als auch Arbeitslosigkeit auszeichnen: (1) Möglichkeiten zur sinnvollen Beschäftigung, (2) materielle und soziale Absicherung, (3) Teilhabe und Mitbestimmung und (4) sichere und humane Bedingungen, in denen der Mensch tätig sein kann. Diese vier Punkte können nicht gegen einander ausgespielt werden und so darf etwa Arbeitslosigkeit auch nicht auf eine Diskussion, um die materielle Absicherung reduziert werden. Auch arbeitsplatzlose Menschen, gerade jene für die ein Einstieg in die Erwerbsarbeit nur schwer möglich ist, haben ein Anrecht darauf ihre Fähigkeiten weiter zu entwickeln, sich sinnvoll in die Gesellschaft einzubringen und in ihr Gehör zu finden. Dafür müssen Strukturen bereit gestellt und geschaffen werden.

Ein Umdenken, was Arbeitslosigkeit bedeutet und wie sie gestaltet werden sollte, kann aber nur gelingen, wenn Arbeit und damit auch das Erwerbsarbeitssystem insgesamt neu und anders verstanden wird. Auch in der Erwerbsarbeit darf es nicht nur um das bloße Vorhandensein von bezahlten Jobs um jeden Preis gehen. Menschenwürdige Arbeitslosigkeit kann nur gelingen, wenn wir versuchen auch das Erwerbsarbeitssystem menschenwürdig zu gestalten. Arbeitslosigkeit darf keine Drohkulisse für die Beschäftigten sein, die diese zur Annahme inhumaner Bedingungen und Einschränkungen an ihrem entlohnten Arbeitsplatz zwingt.

Vielleicht stellt die Zunahme von Arbeitsplatzlosigkeit so auch eine Chance dar, den gesellschaftlichen und politischen Diskurs über Arbeit und Arbeitslosigkeit in eine andere Richtung zu lenken, in eine Richtung, die den Menschen als tätiges Wesen in den Mittelpunkt stellt und darüber nachdenkt wir die Strukturen beschaffen sein sollten, damit alle Menschen die Möglichkeit zur sinnvollen Betätigung vorfinden und in ihren Fähigkeiten und ihrer Identität gestärkt werden können. Arbeit gibt es mehr als genug, sie ist oftmals aber nicht mit einem entlohnten Arbeitsplatz verbunden.