FALTER-Rezension zum Buch: Mensch bleiben in der Politik

Mensch bleiben in der Politik: Rezension FALTER
Stellen wir uns vor: Unter den Parteien besteht eine gewisse Partnerschaft. Einer vertritt alle politischen Verantwortungsträger auf einer Veranstaltung und spricht nicht nur im Namen seiner eigenen Fraktion. Einmal im Monat gibt es ein politikfreies Wochenende. Politische Positionen sind zur Hälfte von Frauen besetzt. Nicht nur sie begrüßen es, oft um 16 oder 17 Uhr nach Hause gehen zu können, um mit ihrer Familie den Abend zu verbringen.

Nun, die politische Kultur in Österreich sieht anders aus. Nicht selten wird Übermenschliches von Ministern und Kanzlern erwartet. Sie brauchen eine dicke Haut und einen langen Atem. Sie ringen darum, nicht abzustumpfen oder zynisch zu werden. Sie stehen auf einer Bühne und spielen eine Rolle in einem Stück, in dem es um „Macht“ geht.
Doch die Macht und der Druck, dem diese Politiker und Politikerinnen ausgesetzt sind, können deren Persönlichkeit verändern oder gar zerstören. Sie sind am Ende rasch überfordert und desillusioniert.

Für all das hat Clemens Sedmak nicht nur Verständnis, er geht weiter und sucht nach Verbesserungsmöglichkeiten.Wie stemmt man sich gegen die Metamorphose, die den Menschen in der Politik schneller verändert, als der Mensch die Politik verändern kann?
Sich dem „Alltagsschwund“ entgegenstellen: So lautet einer seiner Antwortversuche. Das muss man, will man Mensch bleiben in der Politik und nicht eine gesunde Dosis Idealismus gegen Zynismus tauschen oder erst vor dem Burnout die Notbremse ziehen.

Was der Philosoph, Theologe und Sozialtheoretiker Sedmak über hauptberufliche Politiker schreibt, passt nicht nur für Journalisten, die teilweise im selben Zirkus gefangen sind, sondern auch für Berufsgruppen außerhalb dieser „Blase“. Regelmäßige Erdung tut jedem gut. Das sagte schon Cicero. Nicht nur Amtsträger brauchen jemanden, der aufrichtig die Wahrheit sagt. Doch wenn die Echokammer eine Partei ist, ist es besonders schwer. Und vertrauenswürdige Freundschaften von außerhalb sind für Politiker rar gesät.
Um zu erarbeiten, was Politik alles ist („Macht“, „das ultimative Aufeinandertreffen von Kooperation und Konkurrenz“, „Ordnungskunst“, die „Arbeit an und Ringen um Entscheidungen“, „ein ständiges Verhandeln von Positionen, um etwas zu erreichen“), streckt das Buch seine Fühler in alle möglichen Richtungen aus:

*Was ist Klugheit?
*Was ist Alltag?
*Was ist das gute Leben?
Bis hin zu philosophischen Fragen wie:
*Hat Moral einen legitimen Platz in der Politik?
Oder praktischen Überlegungen:
*Wer eignet sich für den Politbetrieb?

Der Autor will wirklich nahe am Geschehen sein und nicht als Wissenschaftler auf der Metaebene analysieren. Das löst er klug, indem Wortmeldungen aus 15 ausführlichen Gesprächen mit Menschen im politischen Alltag eingestreut sind. Sie stechen in kursiver Schrift heraus und sind anonymisiert. Denn anders als in der Realpolitik üblich, ist das Was hier wichtiger als das Wer. Und sowieso gilt, was einer der Interviewten so schön zusammenfasst: „Es gibt halt Gfraster, innerhalb und außerhalb der Politik.“

Juliane Fischer in FALTER 9/2017 vom 03.03.2017 (S. 18)