Małgorzata Bogaczyk-Vormayr

Forschungsprojekt: Patristische Resilienzlehre

Małgorzata Bogaczyk-Vormayr (Research Fellow: Resilienz und altchristliche Literatur) präsentierte im Forschungsseminar die Idee und die bisherigen Ergebnisse ihrer Forschung zur patristischen Resilienzlehre. Das Ziel des Referats war, die Forschungsbereiche (Patristik, Patrologie, Resilienzforschung) sowie die Methoden(Komparatistik und Wirkungsgeschichte) zu formulieren.

Unter patristischer Resilienzlehre versteht Bogaczyk-Vormayr die altchristlichen Seelen- und Charakterkonzeptionen, die so Themen wie Krise, Trost, Hoffnung und Widerstand umfassen. Bogaczyk-Vormayr setzt die altchristliche Lehre von der Seelenkraft in Bezug zur zeitgenössischen Resilienzforschung, in der die Problematik der menschlichen Krisenfähigkeit zur Sprache gebracht wird. Resiliere, erklärte sie, heißt also vor allem fähig bzw. kräftig sein, und unter Resilienz versteht man heute die Kraft des Menschen, eine Krise zu überwinden. In diesem Sinne, meinte Bogaczyk-Vormayr, sprachen die Kirchenväter vom Umgang mit Armut, Krankheit, Leid, Unrecht und Verzweiflung. Sie skizzierte die Verbindung des klassischen Tugendbildes zu den Eigenschaften, die die Resilienzforschung betont, wie z. B. Selbstwirksamkeit, Zukunftsorientierung und Kreativität. Den sog. Resilienzprozess nannte sie Seelenstärkungsprozess.

Bogaczyk-Vormayr bezeichnete die ersten Kirchenväter als Widerstandskämpfer (z. B.  Ignatius von Antiochien und Irenäus von Lyon) und ihre Schriften als einen Beitrag zum Widerstand. Sie konzentrierte sich allerdings mehr auf die Lehre der sog. Wüstenväter (Johannes Cassian, Evagrios Ponticos u.a.), d. h. auf die Thematik der Einsamkeit, Askese und Meditation. Sie betonte, dass die Widerstands- und Hoffnungs-Idee der christlichen Philosophie ihre Wurzeln in der antiken Seelenlehre hat. Hier sprach sie über den Wandel der Dynamis-Kategorie (Potentialität, strebende Bewegung, homo viator, Sein zum Tode, Sein für die Zukunft u.a.).

Einen besonderen Stellenwert für ihre Forschung haben die Soziallehre der Kirche (Basilius der Große, Gregor von Nazianz u.a.), die Freiheits- vs. Schicksalslehre der Kirchenväter (Johannes Chrysostomos und Augustinus) und das Prinzip der Gewaltlosigkeit (Tertullian, Ambrosius, Gregor der Große u.a.).

Bogaczyk-Vormayr erkennt im Denken mehrerer Philosophen des XX. Jahrhunderts, wie u.a. bei Martin Buber, Albert Schweitzer, Karl Jaspers, Albert Camus, Emmanuel Lévinas und Alain Badiou, einen Dialog (auch im Sinne einer weiterführenden Kritik) mit der Tradition der altchristlichen Lehre.

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