Clemens Sedmak

Europäische Identität. Thema der Benediktakademie 2010

Gibt es verlässliche Anhaltspunkte für eine spezifisch europäische Identität? Und was sagen diese Anhaltspunkte über die Gestaltung des europäischen Raums aus? Der deutsche Historiker Christian Meier hat den „europäischen Sonderweg“ mit dem
griechischen Erbe in Zusammenhang gebracht, vor allem auch mit der Idee des freien und öffentlichen Diskurses, der sich auf Begründung und Argument stützt. Der französische Mediävist Jacques Le Goff hat Europa über die Fähigkeit charakterisiert, immer wieder neu anzufangen, sich immer wieder neu zu erfinden. Im Frühjahr 2003 wurde heftig über die Stellung des „altmodischen Europa“ in der Welt diskutiert. Jürgen Habermas etwa hatte die Erfahrungen Europas im 20. Jahrhundert als prägend für den Umgang mit der Situation im Irak angesehen. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat weiteren Stoff für die
Diskussion um das „spezifisch Europäische“ geliefert, da schließlich die Vormachtstellung der USA in der Weltwirtschaftsordnung zur Debatte stand. Wofür steht Europa? Und wofür soll es stehen?

Die europäische Situation ist insofern einzigartig, als wir es mit einem Ringen um den Aufbau einer Gemeinschaft zu tun haben, die auf eine konfliktreiche und von Tragödien belastete Geschichte (die beiden Weltkriege, Auschwitz, die Trennung Europas in einen Westen und einen Osten) zurückblicken muss und gleichzeitig jene Werte als universale zu vertreten sucht, welche die europäische Philosophie geprägt haben – wie etwa die Werte von Freiheit, von Gleichheit, von Menschenwürde, die auch von der jüdisch-christlichen Tradition gespeist sind. Europa kann dabei nicht allein als eine politische Einheit oder Zweckgemeinschaft gesehen werden, die von losen pragmatischen Überlegungen vage zusammengehalten wird. Die Stabilität Europas hängt wohl auch von der Frage nach den Grundlagen ab: Europa muss sich vor allem auch als eine Wertegemeinschaft verstehen.
Die Frage nach einer „Seele Europas“ hat auch Joseph Ratzinger immer wieder beschäftigt. Die „Süddeutsche Zeitung“ veröffentlichte etwa am 13. April 2005 einen Aufsatz des damaligen Kardinals Joseph Ratzinger über die aktuelle Situation in Europa: Trotz seines wirtschaftlichen Reichtums drohe der europäische Kontinent innerlich leer zu werden. Um überleben zu können, benötige er deshalb dringend eine neue Annahme seiner christlichen Kultur. Moralische Werte lösen sich auf, damit werden auch die Seelen der Menschen zur Wüste. Und das betreffe den Kontinent. Europa, quo vadis?
In einem Vortrag vor der bayerischen Landevertretung hat Joseph Ratzinger am 28. November 2000 auch diese Frage gestellt und an die Christinnen und Christen appelliert: „Wie es mit Europa weitergehen wird, wissen wir nicht. Die Charta der Grundrechte kann ein erster Schritt sein, daß es wieder bewusst seine Seele sucht. Toynbee ist darin Recht zu geben, daß das Schicksal einer Gesellschaft immer wieder von schöpferischen Minderheiten abhängt. Die gläubigen Christen sollten sich als eine solche schöpferische Minderheit verstehen und dazu beitragen, daß Europa das Beste seines Erbes neu gewinnt und damit der ganzen Menschheit dient.“
Die Christinnen und Christen haben eine besondere Verantwortung für Europa, das in seinen Werten und Wurzeln von der jüdisch-christlichen Tradition genährt wurde. Es ist bedeutend, dass Joseph Ratzinger den Patron Europas als Namengeber für seinen
Papstnamen erkoren hat. Wo stehst du, Europa? Und: Worauf stehst du, Europa? Wohin gehst du – mit welchem Ziel?
In dem 2004 erschienen Buch Senza radici, das Joseph Ratzinger gemeinsam mit dem italienischen Senatspräsidenten Marcello Pera verfasst hatte, sprachen sich die Autoren für eine stärkere Zusammenarbeit von Kirche und Kultur aus. Das moderne Denken habe christliche Wurzeln. Ein Europa, das seine christlichen Wurzeln verleugnet, drohe im Relativismus zu versinken. Das Bekenntnis zu christlichen Wurzeln sei entscheidend für die Identität und die Einheit Europas. Eine Vernunft, die nicht mit ihren Wurzeln verbunden sei, würde zu einer rein funktionalen Vernunft.

Konferenz zum Thema

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