Textauszug aus der Einleitung zur Buchreihe Clemens Sedmak

Buchreihe: Die Grundwerte Europas

Die Frage nach den Werten Europas steht heute im Mittelpunkt des Interesses. Es haben sich dabei vor allem die sieben Werte von Gleichheit, Freiheit, Menschenwürde, Toleranz, Gerechtigkeit, Friede und Solidarität als fundamentale heraus kristallisiert. Was bedeuten diese Werte? Welche spezifisch europäische Dimension weisen sie auf? Wie hängen sie mit Geistes- und Religionsgeschichte zusammen? Wie verhalten sie sich im internationalen Vergleich? Eine auf sieben Bände angelegte Buchreihe soll diesen Fragen systematisch nachgehen und auf diese Weise eine „Landkarte europäischer Werte“ erarbeiten.

Die Grundwerte Europas beschäftigen den europäischen Einigungsprozess seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Neben dem Friedensaspekt dominierten in der Vergangenheit Vorstellungen über die sozialethischen Grundlagen des ökonomischen Wiederaufbaus, die zwischen Akzenten des Ordoliberalismus und dem Konzept einer sozialen Marktwirtschaft oszillierten. Die Erweiterung der Europäischen Union und die Veränderung der politischen Landschaft Europas durch den Zusammenbruch des Kommunismus haben die Debatte um Europa und seine Werte ebenso stimuliert wie die Frage nach einem EU-Beitritt der Türkei.

Der 11. September hat auch für Europa eine neue Ära eingeleitet. Herausforderungen an „spezifisch europäische Werte“ wurden in der Profilierung Europas im Krieg gegen Afghanistan und den Irak deutlich – einerseits die Frage nach einer Abgrenzung von den USA, andererseits die Frage nach der europäischen Einheit. Dass zwischen politischer Realität, kulturellem Leben und Alltag sowie einschlägigen Dokumenten Brüche bestehen und dass vor allem auch die Anwendung von Wertbegriffen auf konkrete Situationen weiten Auslegungsspielraum lässt, ist offensichtlich. Die Frage nach den Grundwerten Europas kann nicht mit Verweis auf einschlägige Dokumente gelöst werden. Denn vom Papier her scheinen die Grundwerte Europas klar:

Der Bericht von Marti Artisaari, Jochen Frowein und Marcelino Oreja vom 8. September 2000 hatte in Bezug auf Österreich bekanntlich neben der Frage nach der politischen Natur der FPÖ die Frage zu beantworten, ob Österreich auf dem gemeinsamen europäischen Werteboden stehe. Ein Kanon von „gemeinsamen europäischen Werte“, wie sie etwa in der Europäischem Menschenrechtskonvention festgehalten sind, wurde von den drei Autoren als Maßstab zur Beurteilung der politischen Situation in Österreich herangezogen. Explizit wurden Freiheit, Demokratie, Achtung der Menschenrechte, das Prinzip der Nichtdiskriminierung, Toleranz und Humanismus als gemeinsame europäische Werte genannt. Diese Begriffe finden sich in der Präambel zum EU-Verfassungsentwurf wieder, in der wir lesen können: “Die Werte, auf die sich die Union gründet sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören. Diese Werte sind allen Mitgliedsstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichheit von Frauen und Männern auszeichnet.“

Hier stellen sich entscheidende Fragen nach Begründung und Rechtfertigung, Kohärenz und Systematik, historischer und aktueller Verankerung dieser Begriffe im kulturellen und sozialen Zusammenleben. Handelt es sich nur um wenig reflektiertes Vokabular, um ethische Referenzpunkte einer Elite, um das akkordierte Ideal einer Gemeinschaft oder um den Ausdruck kulturell identifizierbarer Wertgrundlagen? Wie beziehen sich diese ethischen Begriffe auf Moral und Moralität? Sind diese Begriffe als „dünne Konzepte“ zu behandeln oder können sie lokal verdichtet werden und wie sind etwaige regionale Unterschiede zu bewerten?

Bisher erschienen
Solidarität

In Vorbereitung: Freiheit