Clemens Sedmak

Artikel: Geschäftslächeln – Zahnärztliche Kunst zwischen Geld und Gesundheit

Portrait-Uni-Salzburg-Foto-Kolarik„Geschäftslächeln – Zahnärztliche Kunst zwischen Geld und Gesundheit“ – Mit diesem Thema eröffnete Prof. Clemens Sedmak, Präsident des Internationalen Forschungszentrums, den österreichischen Zahnärzte-Kongress 2012, welcher von 20.-22. September im Kongresshaus Salzburg stattfand. Folgend ein Auszug aus der Eröffnungsrede:

Im Folgenden sollen drei einfache Thesen entfaltet werden:

1) Zahnärztinnen und Zahnärzte sind Vermögensverwalter;

2) Zahnärztinnen und Zahnärzte sind Vertrauensverwalter;

3) Zahnärztinnen und Zahnärzte sind Integrationsverwalter.

1.Zähne als Kapital

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat bekanntlich zwischen vier Formen von Kapital unterschieden: ökonomischem Kapital (Geld und „assets“), sozialem Kapital (Kontakte und Zugang zu Netzwerken), kulturellem Kapital (Bildung) und symbolischem Kapital (Anerkennung). Welche Art von Kapital sind „Zähne“?

Werfen wir dazu einen Blick in die jüdisch-christliche Tradition. Wie kommen Zähne in der Heiligen Schrift vor? Man kann hier drei Gebrauchskontexte unterscheiden: Zähne als Zeichen von Schönheit; Zähne als Symbole von Macht;  Zähne als Mittel zum Ausdruck der Persönlichkeit. Im ersten Fall ist die Rede sowohl von innerer wie auch von äußerer Schönheit. Beim Segen des Juda durch seinen Vater (Juda ist Stammvater Jesu!) heißt es: „Seine Zähne sind weißer als Milch“ (Gen 49,12). Hier ist innere Schönheit angesprochen; im Hohenlied finden wir die Stelle: „Deine Zähne sind wir eine Herde frisch geschorener Schafe, die aus der Schwemme steigen“ (Hld 4,2). Hier ist äußere Schönheit gemeint. Macht wird in Stellen wie den folgenden deutlich: Das Ungeheuer hatte „starke Zähne aus Eisen“ – Dan 7,7; die Zähne der Löwen sind „Spieße und Pfeile“ – Ps 57,5; die Zähne der Sünde sind Löwenzähne; Sir 21,2. Oder auch in der erleichterten Feststellung: „All meinen Feinden hast du den Kiefer zerschmettert, hast den Frevlern die Zähne zerbrochen“ – Ps 3,8. Zahnlosigkeit ist Machtlosigkeit. Das an vielen Stellen vorkommende Motiv „Sie knirschen mit den Zähnen“; „sie fletschen die Zähne“ deutet an, dass die Zähne auch als Ausdrucksmittel verstanden werden. In dieser Tradition dient der Zahn also als Charakterisierung der Persönlichkeit und auch der Interaktion im sozialen Raum.

So könnte man Zähne als „ästhetisches Kapital“ bezeichnen. Ästhetisches Kapital ist einerseits Konsequenz der anderen Kapitalformen („wer Geld und Kontakte und Bildung und Status hat, lässt seine Zähne pflegen“) und andererseits Ermöglichung der anderen Kapitalformen („wer schöne Zähne hat, kommt leichter zu Geld und Kontakten und Bildung und Status“). Ästhetisches Kapital ist verbunden mit Selbstvertrauen, das der Schlüssel zu allen Formen von Kapital ist. Wir schauen anderen Menschen auf die Zähne, ziehen aus dem Zustand der Zähne Rückschlüsse auf den Status. „Beauty buys access“ lautet ein Begriff aus der Soziologie der Schönheit; ästhetisches Kapital ist Teil dessen, was man mitunter als „Impressionsmanagement“ bezeichnet. Andererseits wird das Leben auf unglaubliche Weise erschwert, wenn das ästhetische Kapital fehlt; viele Berichte aus Konzentrationslagern weisen auf die Zahnschmerzen hin. In vielen Einführungen in den Begriff von „Schmerz“ (verstanden als „adverse pervasive condition“) wird der Zahnschmerz, der ja in viele Regionen ausstrahlt, als Beispiel verwendet.

In diesem Sinne sind Zahnärztinne und Zahnärzte Vermögensverwalter. Sie verwaltet ästhetisches Kapital, das mit allen anderen Formen von Kapital verbunden ist.

2.Zahnmedizin als Kapitalquelle
Zahnärzte und Zahnärztinnen verdienen – wie nicht zuletzt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung vom Frühjahr 2012 gezeigt hat – verhältnismäßig mehr und viel. Das kann mit den drei Standardargumenten zur Rechtfertigung von Spitzeneinkommen („skill-based“: besondere Fähigkeiten; „responsibility-based“: besondere Verantwortung; „market-based“: Dynamiken des Marktes) je nach weiteren berücksichtigten Faktoren auch mehr oder weniger gut gerechtfertigt werden. An dieser Stelle soll nur darauf hingewiesen werden, dass sich aus diesem Umstand wenigstens zwei Berufsrisiken ergeben: Das Risiko von Distanz und das Risiko von „avaritia“. Das Risiko von Distanz meint, dass zwischen Ärztin und Patientin in vielen Fällen eine Einkommenskluft herrscht, was zu Misstrauen oder auch erhöhtem Druck führen kann. Ein Beispiel: Während meines Auslandszivildienstes in Bhutan sickerte durch, dass der kanadische Manager das 150fache eines bhutanischen Arbeiters verdiente. Das hatte einen doppelten Effekt: Demotivierung auf Seiten der Arbeiter und Misstrauen (der Manager wurde sehr genau beobachtet, man verzieh ihm keine Fehler mehr). Die – wie auch immer (un)gerechtfertigte – Unterstellung, ein Zahnarzt „verdiene zuviel“, kann sich auf die Beziehung, genauer auf Vertrauen (ist diese Behandlung wirklich notwendig oder nur eine Geschäftemacherei?) und compliance (Kooperation funktioniert am besten bei unterstellter Gleichheit) auswirken. Das zweite Risiko ist die „avaritia“, die eine Dynamik anspricht, dass jemand, der viel verdient, immer mehr verdienen möchte; hier gibt es keinen Sättigungspunkt, gerade auch durch den Vergleich mit anderen Spitzenverdiener/inne/n erhöht sich der Druck. Hier sind Wertegefüge entscheidend, um nicht allein dem Geld ausgeliefert zu sein, denn Geld eignet sich nicht als intrinsische Motivation. Man muss auch eine gute Antwort auf die Frage haben: Wenn die Remuneration eine andere wäre – würden Sie  immer noch als Zahnärztin arbeiten wollen?

Das Institut der deutschen Zahnärzte hat 2012 durch Wolfgang Micheelis und Werner Süßlin eine Studie über das Image des Berufsstandes erstellen lassen. Dabei hat sich angedeutet, dass die Reputation in vielen Fällen von Mikroerfahrungen abhängig ist. Das entspricht auch unseren Einsichten in Vertrauensdynamiken: Vertrauen wird langsam aufgebaut, kann aber schnell zerstört werden; es ist ein zartes Pflänzchen, wobei Menschen zwischen „Kompetenz“ und „Integrität“ unterscheiden, und Mängel der Integrität das Vertrauen schneller und nachhaltiger untergraben als Mängel der Kompetenz. Misstrauen wiederum – und hier wiederholt sich der Hinweis auf das Risiko wahrgenommener Ungleichheit – wird durch die Erfahrung von Ohnmacht, Ungleichbehandlung und Ungleichheit geschürt. „Vertrauen“ ist wohl das wichtigste Kapital im zahnärztlichen Beruf, zumal die Menschen Wahlmöglichkeiten haben. Vertrauen muss durch „Vertrautheit“ bestätigt werden. Die angesprochene Studie von Micheelis und Süßlin hat Sorgfalt, Rücksicht und gut organisierte und entsprechende ausgestattete Praxen als wichtigste Vertrauensbringer identifiziert, die Wahrnehmung von Ungleichbehandlung, das Anbieten unnötiger Behandlungen, zu lange Voranmeldezeiten und die Wahrnehmung eines zu hohen Verdiensts als Vertrauensbremsen. Das zarte Pflänzchen des Vertrauens ist also zu pflegen. In diesem Sinne sind Zahnärztinnen und Zahnärzte Vertrauensverwalter.

3.Zahnkultur als Gesellschaftsstrategie
Zadie Smith hat in ihrem preisgekrönten Roman „White Teeth“ eine englische Familie und eine immigrierte Familie aus Bangladesch beschrieben, die durch ihre weißen Zähne und den Wert dieser Zahnästhetik verbunden sind. Sie beschreibt Zähne als Integrationsmittel; eine Tochter des Familie aus Bangladesch möchte denn auch Zahnärztin werden, um auf diese Weise zur Integration beitragen zu können. Zahnärzte und Zahnärztinnen können sich in diesem Sinne als „Integrationsverwalter“ sehen.

Diese Verantwortung wird umso dringlicher, als steigende ästethische Standards neue Eintrittsstellen für soziale Ungleichheit erzeugen. Die Grenze zwischen „Medizin“ und „Wellness“ verschwimmt zusehends; die sozial und kulturell artikulierten Ansprüche an den eigenen Körper, der als „Baustelle“ betrachtet wird („commodification of the body“) machen den Körper mehr denn je zu einem Ausdruck von Status. Der aus der Medizinsoziologie stammende Begriff der „non-disease“ deutet darauf hin. Damit ist eine körperliche Entwicklung (etwa Haarausfall bei Männern, herabhängende Tränensäcke) gemeint, die medizinisch unbedenklich ist, aber durch kulturelle Drücke „pathologisiert“ wird. Ähnliches geschieht in Bezug auf die Zahnästhetik (Beispiel Zahnschmuck) – die Standards dessen, was als sozial akzeptable Zähne gelten, steigen. Die Dynamik von „lookism“ (die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres Aussehen“), die sich durchaus in Retuschierungspraktiken zeigt, weist auf diese Entwicklungen hin. Aus Sicht der Ungleichheitsforschung ist dies bedenklich.

Die Zahnärztin kann in diesem Sinne auch als soziale Heilerin auftreten, die Zahnmedizin kann wichtige Aufgaben der „public health“-Domäne erfüllen. Nach einem mit dem viel diskutierten „Fähigkeitenansatz“ von Amartya Sen et al. zusammenhängenden Verständnis kann man „Gesundheit“ als „Fähigkeit zweiter Ordnung“ verstehen, als die Fähigkeit also, gut mit Fähigkeiten und Unfähigkeiten umzugehen. „Zahngesundheit“ kann in diesem Sinne als das Vermögen verstanden werden, gut mit den eigenen Zähnen umzugehen. Das ist eine Frage der Prophylaxe und der Eigenverantwortung; die einschlägige Erziehung muss nach pädagogischer Expertise im Kindergarten beginnen. Hier entscheiden sich Weichen über Chancengleichheit, etwa auch im Umgang mit ästhetischem Kapital. In diesem Kontext können Zahnärztinnen und Zahnärzte eine entscheidende Rolle als Integrationsverwalter spielen.